Schlüsselregion Maghreb
Der 4. Niedersächsische Außenwirtschaftstag, der am 17. April 2007 im Rahmen der Hannover Messe stattfand, widmete sich dem Maghreb.
Nachdem im Vorjahr die Golfstaaten im Mittelpunkt der Veranstaltung standen, versammelten sich dieses Jahr rund 250 deutsche und arabische Teilnehmer, um sich über das dynamische Wachstum in Algerien, Libyen, Marokko und Tunesien zu informieren. Ländertische sowie der Empfang ermöglichten es, Kontakte zu den Entscheidungsträgern zu knüpfen.
Von Hans Seidenstücker
Ministerpräsident Christian Wulff wies auf die positive Entwicklung im gesamten Maghreb hin. Marokko sei ein positives Beispiel für die wirtschaftliche Liberalisierung im arabischen Raum, die unter anderem durch die Freihandelsabkommen mit der Europäischen Union und den USA unterstrichen werde.
Tunesien sei Deutschlands wichtigster Exportpartner in Nordafrika und zahlreiche deutsche Unternehmen schätzten die politische, wirtschaftliche und soziale Stabilität des Landes. Algerien habe sich zu einem wichtigen Energielieferanten entwickelt und die steigenden Gewinne aus dem Öl- und Gasgeschäft lasse die Nachfrage nach deutschen Waren und Dienstleistungen steigen. Gleiches gelte für Libyen, das Deutschlands drittwichtigster Öllieferant geworden sei.
Thomas Bach, Präsident der Arabisch-Deutschen Vereinigung für Handel und Industrie e.V. (Ghorfa), unterstrich das erhebliche Potenzial, das die arabische Welt für deutsche Unternehmen bietet: „2006 sind die deutschen Exporte in die arabische Welt um 16 Prozent auf 21,5 Milliarden EUR gestiegen. Dies übertraf das Exportvolumen in die ASEAN-Länder um mehr als sechs Milliarden.“
Ein deutscher Scheich
"Wenn sich jemand in Deutschland als Scheich bezeichnen könnte, dann bin ich es", sagte Wulff und hatte damit die Lacher auf seiner Seite. Schließlich lagern 98 Prozent der deutschen Öl- und Gasvorkommen in Niedersachsen und das Know-how niedersächsischer Unternehmen aus dem Energiesektor ist auch in Algerien und Libyen zunehmend gefragt. Das Norddeutsche Wasserzentrum in Peine bietet Unterstützung bei der besseren Nutzung der nicht nur in den Maghreb-Staaten zunehmend knappen Ressource Wasser.
Doch um die Geschäftschancen, die sich im Maghreb bieten, auch ergreifen zu können, „müssen unsere Unternehmen mehr von den Maghreb-Staaten erfahren und die Maghreb-Staaten möchten wissen, welche Unternehmen in ihre Länder kommen. Dazu kann der Außenwirtschaftstag einen wichtigen Beitrag leisten“, sagte Wulff. Wirtschaftsminister Walter Hirche verwies auf die 2004 von ihm ins Leben gerufene Arabische Initiative: „Niedersachsen ist das einzige Bundesland, das einen Arabisch sprachigen Investitionsführer herausgegeben hat. Darüber hinaus haben wir mehrere Wirtschaftsreisen in die arabischen Länder unternommen und die Wirtschaftsräte der arabischen Botschaften werden dieses Jahr bereits zum zweiten Mal Niedersachsen besuchen.“
Algerien
Der algerische Botschafter in Deutschland, S.E. Hocine Meghar, warb für verstärktes deutsches Engagement und verwies auf die Aufbruchstimmung, die in seinem Land herrsche. „In den vergangenen sieben Jahren lag das Wirtschaftswachstum bei fünf Prozent pro Jahr, die Inflationsrate betrug lediglich drei Prozent, unsere Währungsreserven sind auf 80 Milliarden US-Dollar angeschwollen.“ Zahlreiche Investitionsprojekte, wie der Bau der Metro in Algier, an dem auch zwei deutsche Unternehmen beteiligt sind, die geplante Bau einer 1.300 Kilometer langen Ost-West-Autobahn in den rund elf Milliarden Euro investiert werden, die Errichtung neuer Staudämme und Kläranlagen, die Modernisierung der Wasserver- und entsorgung sind nur einige der für die kommenden Jahre geplanten Projekte. Der algerische Fünf-Jahresplan (Laufzeit 2005-09) sieht Gesamtinvestitionen in Höhe von 140 Milliarden US-Dollar vor.
Libyen
Der deutsche Botschafter in Libyen, Bernd Westphal, konstatiert ebenfalls eine positive Entwicklung. Die libysche Wirtschaft wuchs im vergangenen Jahr um 5,6 Prozent, das Pro-Kopf-Einkommen stieg auf rund 8.000 US-Dollar und die Devisenreserven sind auf 56 Milliarden US-Dollar angewachsen. Beobachter wie der Internationale Währungsfonds erwarten, dass das starke Wachstum in den kommenden fünf Jahren weiter anhalten wird.
Im Februar 2007 wurden die Anteile zahlreicher staatlicher Unternehmen an einen sozialen und wirtschaftlichen Entwicklungsfonds übertragen, der auch Anteile an Wachstumsbranchen wie dem Telekommunikationssektor hält. Bedürftige erhalten einen Anteil am Fonds im Wert von rund 18.000 US-Dollar. Damit soll die Bevölkerung am wirtschaftlichen Wachstum teilhaben und soziale Spannungen vermieden werden. Westphal wies jedoch auch darauf hin, dass die Investitionen im Nicht-Ölsektor weniger als 300 Millionen US-Dollar pro Jahr betrugen. Auch der häufige Wechsel der Entscheidungsträger und die damit verbundene Revision von Grundsatzentscheidungen erschwerten ausländische Investitionen. Immerhin sei die Mindestsumme für ausländische Investitionen auf 1,5 Millionen US-Dollar gesenkt worden – vor zwei Jahren belief sich die Mindestsumme noch auf 50 Millionen US-Dollar.
Marokko
Taïeb-Debbagh, Staatsekretär im Ministerium für wirtschaftliche und allgemeine Angelegenheiten, Abteilung für Postwesen, Telekommunikation und Informationstechnologien, warb für Marokko als Offshoring-Standort für IT-Dienstleistungen. Der Umsatz des marokkanischen ITK-Sektors ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen – von 458 Millionen US-Dollar im Jahr 2001 auf drei Milliarden US-Dollar im vergangenen Jahr. Inzwischen wendet Marokko 1,2 Prozent seines BIPs für Forschung und Entwicklung auf. Mit Technoparks wie Casashore in Casablanca und der Rabat Technopolis möchte Marokko ausländische Investoren anlocken. Bis 2012 soll der Umsatz der Branche auf neun Milliarden US-Dollar steigen und 125.000 neue Arbeitsplätze geschaffen werden. Bereits heute sind namhafte Unternehmen wie Hewlett Packard, IBM und Microsoft in Marokko präsent.
Tunesien
Khelil Lajimi, Staatssekretär im tunesischen Ministerium für Entwicklung und internationale Kooperation, unterstrich die wirtschaftliche Offenheit Tunesiens. Als Gründungsmitglied der WTO unterzeichnete Tunesien bereits 1995 als erster nordafrikanischer Staat ein Assoziierungsabkommen mit der EU. Am 1. Januar 2008 fallen die letzten Zollschranken zwischen Tunesien und der EU. Lajimi räumte auch mit dem Vorurteil auf, dass Tunesiens Wirtschaft stark vom Tourismus abhänge: „Der Anteil des Dienstleistungssektor am BIP liegt bei 57 Prozent, davon sind aber lediglich sechs bis sieben Prozent dem Tourismus zuzuschreiben.“Derzeit zählen die tunesischen Universitäten 350.000 Studenten, 57 Prozent der neu auf den Arbeitsmarkt strömenden Arbeitssuchenden verfügen über einen Universitätsabschluss. Um ihnen einen angemessen Arbeitsplatz bieten zu können, hofft Tunesien auf verstärkte Auslandsinvestitionen. Die 2.800 bereits in Tunesien ansässigen ausländischen Firmen haben in den vergangenen Jahren 274.000 Arbeitsplätze geschaffen. Auch Tunesien sieht im ITK-Sektor Potenzial und verweist unter anderem auf Sagem Communications, das dort eine Forschungs- und Entwicklungsabteilung angesiedelt hat.
Attraktiver Investitionsstandort
In seinem Vortrag zu den rechtlichen Rahmenbedingungen in den Maghreb-Staaten machte Rechtsanwalt Florian Amereller deutschen Investoren Mut: „Der Maghreb ist eine Region, in der Unternehmer auch ohne ständige juristische Begleitung tätig sein können. Sicherlich laufen die Geschäfte nicht ganz so einfach wie in den Golfstaaten, doch in vielen Bereichen ist es juristisch einfacher als bei uns in Europa.“ Beendet wurde der 4. Niedersächsische Außenwirtschaftstag von einer Podiumsdiskussion, in der Entscheidungsträger Chancen und Schwierigkeiten bei Geschäften in der arabischen Welt erörterten. Hier wurde wiederholt auf die besondere Bedeutung persönlicher Kontakte hingewiesen. Darüber hinaus wurde dazu geraten, auch in vermeintlich unsystematischen Märkten systematisch vorzugehen. Dazu gehört die Identifikation des richtigen Partners ebenso wie das Vorhandensein einer „exit strategy“ für den Fall, dass sich die Rahmenbedingungen ändern.
Fotos: Karl-Martin Heinrichson, heinrichson photos
21.12.2006 16:51 Alter: 5 yrs











