Eindrucksvoller Wettbewerb der Regionen: Niedersächsisch-russische Wirtschaftsbeziehungen bieten Ausbaupotenzial

Die Verbindungen Niedersachsens nach Russland sind zahlreich: "Rund 80 Firmen aus unserem Bundesland haben eine Repräsentanz in Russland, und in der Management-Akademie in Celle sind schon viele russische Führungskräfte ausgebildet worden", zählt Wirtschaftsminister Walter Hirche beim Niedersächsischen Außenwirtschaftstag am 12. April in Hannover auf.“


Auch die Beziehungen zu den Regionen Russlands – dem Thema des Tages – seien schon recht weit gediehen: "Wir haben seit mehr als zehn Jahren partnerschaftliche Vereinbarungen mit Perm und Tjumen und sind außerdem eine Kooperation in wirtschaftlichen Fragen mit Tomsk und Krasnodar eingegangen." Gute Voraussetzungen also für eine Ausweitung der Aktivitäten Niedersachsens bei dem riesigen Nachbar der erweiterten EU.

Tenor der Veranstaltung, die in diesem Jahr bei der Hannovermesse zum zweiten Mal stattfand, war jedoch: das Potenzial ist noch bei weitem nicht ausgeschöpft. Im Fokus standen diesmal die Regionen des EU-Nachbarn, deren hochrangige Vertreter um Investoren warben. Veranstalter des Wirtschaftstages war das Niedersächsische Wirtschaftsministerium gemeinsam mit dem Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft, dem NIHK (Niedersächsischer Industrie- und Handelskammertag), den Unternehmerverbänden Niedersachsen, der Messe AG und der Nord/LB.

Reichtum im Boden - und in den Köpfen

Bonduelle, Nestlé, Philipp Morris und der Landmaschinenhersteller Claas: die Region Krasnodar kann sich mit illustren Namen ansässiger internationaler Unternehmen schmücken. Vize-Gouverneur Evgenij Moraev, stellvertretender Gouverneur des Gebiets Krasnodar und selbst einer der Absolventen der Management-Akademie in Celle, setzt einen besonderen Akzent auf die Modernisierung der Landwirtschaft in seiner Region, aber auch auf verschiedene Bauprojekte, darunter die Rekonstruktion eines Kraftwerks in Krasnodar, für die Investoren gesucht werden.
Die Region Perm kann mit reichen Bodenschätzen aufwarten, aber auch mit einer guten Infrastruktur aufgrund ihrer geostrategischen Lage zwischen Europa und Asien. "Importiert werden vor allem Maschinen", berichtete der stellvertretende Gouverneur Nikita Belykh" - ein interessanter Absatzmarkt also für deutsche Hersteller.

Ein besonders interessantes Vorhaben präsentierte Yurij Rakov, Vize-Gouverneur von St. Petersburg: Die Einrichtung einer Sonderwirtschaftszone mit begünstigenden Steuer- und Zollregelungen für ausländische Unternehmen. Anfang 2005 hat sich die Bosch & Siemens Hausgeräte GmbH bereits in dem neuen Gewerbegebiet "Neudorf" angesiedelt.
Im Gebiet Tomsk bestehen ähnliche Planungen: "Besonders interessiert sind wir an der Ansiedlung von Hochtechnologiebetrieben", betonte Gouverneur Viktor Kress. Weitere Investitionsprojekte bestehen im Bereich der Bio-, der Nano- und der Informationstechnologie. Die Voraussetzungen seien gut, so Kress, denn neben einem großen Reservoir an Bodenschätzen verfüge seine Region noch über einen mindestens ebenso wichtigen Reichtum: "Jeder dritte Angestellte in der Wirtschaft hat ein Hochschulstudium absolviert."

Mehr als Erdöl und Gas

Ministerpräsident Christian Wulff zeigte sich beeindruckt angesichts des Engagements der Russen im Standortmarketing: "Es ist eindrucksvoll, die Regionen hier im Wettbewerb zu sehen." Die neu eingerichteten Repräsentanzen in Moskau und Warschau seien ein wichtiger Schritt auf dem Weg, das bisher bestehende gewisse Internationalisierungsdefizit auszugleichen. Wirtschaftsminister Hirche bestätigte aus seiner Erfahrung: "Das Geschäftsinteresse bei niedersächsischen Firmen ist groß. Gerade die Bedeutung der Landwirtschaft wurde lange unterschätzt."

Die deutschen Referenten der anschließenden Podiumsdiskussion unter Leitung von Frau Dr. Jutta Falkner, Chefredakteurin bei Ost-West Contact, beurteilten die Perspektiven des russischen Marktes mit vorsichtigem Optimismus. "Wir würden gern noch mehr Geschäfte in Russland machen - wenn genug da ist," fasste Dr. Gunter Dunkel, Mitglied des Vorstandes der NORD/LB zusammen. Seit Institut hat bisher noch keine Niederlassung in Russland, wohl aber in Polen und im Baltikum. Dr. Klaus Mangold, Vorsitzender des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft, betonte jedoch: "Wir beurteilen Russland in der Realität besser als im Bild der veröffentlichten Meinung." Auch die Finanzierung sei nicht mehr das große Thema: "Ich kenne kein großes Projekt, das in den letzten zwei bis drei Jahren daran gescheitert wäre."

Dr. Gerd Saupe, Deutscher Exekutivdirektor der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung, bestätigte: "Die typische Transaktionsgröße beträgt bei uns rund 100.000 Euro - dieser Betrag ist typisch für Mittelständler." Sein Institut, an dem Russland als Miteigentümer beteiligt ist, habe als öffentliche Institution außerdem Zugang zu den Regierungen der Föderationssubjekte.

Deutsche Firmen lassen sich jedoch bis jetzt trotz allem nur zögerlich zu einem dauerhaften Engagement in Russland bewegen: "Viele Unternehmen investieren nicht gern in den Aufbau einer Produktion, sondern liefern nur Produkte. Außerdem steuern sie nach wie vor hauptsächlich Moskau und St. Petersburg an. Wir wollen aber alle Regionen fördern", betonte Alexej Kaulbars, Abteilungsleiter im Ministerium für Wirtschaftliche Entwicklung und Handel der Russischen Föderation. Dies solle sich auch für die Investoren lohnen: "Die Regionen haben gute Möglichkeiten, regionale Steuererleichterungen zu gewähren." Russland müsse weg von seinem Image "Erdöl und Gas", ergänzte Mangold.


140 russische Firmen auf der Hannovermesse seien ein eindrucksvoller Beleg dafür, dass das Land mehr zu bieten habe: "Russland ist ein Hochtechnologieland." Interessant für ausländische Anbieter sei außerdem die sich entwickelnde Automobilindustrie: "Das Marktvolumen der russischen Automobilindustrie liegt derzeit bei 20 Mrd. US Dollar - das der Öl- und Gasindustrie zusammen bei 13 Mrd. US Dollar", illustrierte Mangold. Im Hinblick auf den geplanten Beitritt Russlands zur WTO sei es fünf vor zwölf, eine moderne Automobilindustrie aufzubauen. Die Volkswagen AG ist entschlossen, an den bestehenden Marktpotenzialen zu partizipieren: "Die entsprechende Gesetzgebung ändert sich aktuell. Wir sind zuversichtlich, dass wir bald zu einem zufriedenstellenden Abschluss kommen", äußerte sich Detlef Wittig, Mitglied des Markenvorstandes Volkswagen PKW.


Von Claudia Wittwer


15.12.2004 16:07 Alter: 7 yrs




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